Die Freiheitsräuber entlarven
Interview von changeX mit Jörg Weisner
Verantwortung und Freiheit sind die Basis für ein zufriedenes Leben.
Die Menschen müssen sich auf ihre Stärken, ihre Ziele und ihre Visionen besinnen. Und erkennen, dass sie sich jederzeit frei entscheiden können. Sie müssen die Freiheitsräuber entlarven. Doch viele Menschen wollen ihr Leben überhaupt nicht verändern. Mit den Worten “Das geht nicht” legen wir unser Leben in Fesseln.
Jörg Weisner ist Trainer und Autor des Buches Job & Joy. Die Formel für mehr Spaß in Beruf und Privatleben. Mit ihm sprach Heike Littger.
Herr Weisner, kaum ein Verlag hat nicht auch Lebens-Ratgeber im Programm. Warum erhoffen sich immer mehr Menschen Rat von Buchautoren? Ist es so schwer, glücklich zu sein?
Die Verunsicherung hat in den letzten Jahren zugenommen. Keiner weiß, was die Zukunft bringen wird. Die alte Sicherheit, wenn es sie denn je gab, hat sich in Luft aufgelöst. Hinzu kommt, dass kaum noch jemand den Menschen einen gesicherten Arbeitsplatz garantieren kann. Vielmehr sprechen zahlreiche Prognosen dafür, dass der Arbeitsmarkt künftig sogar noch enger und härter werden wird. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, setzen sich viele Menschen immer stärker unter Druck. Arbeiten bis zum Umfallen. Nach ein, zwei Jahren wundern sie sich dann, dass die Rechnung nicht aufgeht. Dass der Job keinen Spaß macht und das Privatleben gegen Null tendiert.
Welchen Rat geben Sie Ihren Lesern?
Keine Tipps und Tricks. Kein länger, schneller und härter. Kein Verhaltenstraining. Die Menschen müssen sich besinnen: auf ihre Stärken, ihre Ziele und ihre Visionen.
Dieses Erfolgsrezept ist nicht neu. Auch Tom Peters hat darüber geschrieben, Tony Robbins und Stephen Covey. Doch die Quote der Glückseligen ist in den letzten Jahren nicht unbedingt gestiegen. Im Gegenteil: Studien belegen, dass mittlerweile die Hälfte der Arbeitnehmer mit ihrem Job und mit ihrem Leben unzufrieden sind.
Peters, Robbins, Covey sind großartige Autoren und Trainer. Doch der Weg zu Veränderung braucht oft Zeit. Viel Zeit. Den meisten reicht es nicht, sich ein Buch zu kaufen oder ein einziges Seminar zu besuchen. Ich verstehe mein Buch als Navigationshilfe, um private und berufliche Ziele erkennen und artikulieren zu können.
Liegt darin nicht auch das Problem? Dass Menschen ihre Bedürfnisse nicht kennen.
Sicherlich. Die meisten Menschen werden von ihren Eltern in eine Richtung gedrängt. Ich auch. Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte. Also hörte ich auf den Rat meines Vaters: Geh zur Bank, Geld braucht man immer.
Waren Sie mit der Entscheidung glücklich?
Anfangs ja. Nach der Ausbildung habe ich noch drei Jahre in der Großbank gearbeitet. Doch dann musste ich einfach raus. An die Uni, studieren. Noch 80.000 Stunden meines Lebens in ein und derselben Bank – das war für mich unvorstellbar.
Wie haben Sie den Absprung geschafft?
Im Grunde hatte ich alles: Geld, gute Karrierechancen, nette Kollegen. Doch ich wurde immer unzufriedener. Der stark geregelte Tagesablauf wie auch der festgelegte Karriereweg waren nichts für mich. Also packte ich all meinen Mut zusammen und kündigte. Es war nicht einfach, sich gegen die gutgemeinten Ratschläge meiner Freunde und Kollegen durchzusetzen. Sie alle hielten mich für verrückt. Und auch ich stellte mir immer wieder die Frage: Willst du wirklich einen sicheren Posten aufgeben – für ein BWL-Studium und eine unsichere Zukunft? Den sicheren Posten habe ich verloren. Doch dafür habe ich etwas wesentlich Wertvolleres gewonnen: meine Freiheit und eine verstärkte persönliche Entwicklungsmöglichkeit.
Welche Bedeutung hat Freiheit für Sie heute?
Freiheit ist die Basis für ein zufriedenes Leben. Wenn Sie Menschen fragen, ob sie frei sind, werden sie antworten: Na klar bin ich frei. Erst nach und nach fallen ihnen dann Einschränkungen ein. Sie würden zum Beispiel gerne mehr Sport treiben, abnehmen, mehr lesen, meditieren, mehr Zeit mit den Kindern verbringen – ABER … Und dann kommen die vielen guten Gründe, warum das alles nicht möglich ist, und dass es mit der vielen Arbeit eben nicht so leicht ist, sonst hätte man das alles schon längst gemacht. Allein mit den Worten “Das geht nicht” legen wir unser Leben in Fesseln.
In diesem Zusammenhang denke ich immer an Klaus Kobjoll …
… und sein weißes Blatt Papier.
Genau. Er nimmt ein Blatt Papier und faltet es so lange, bis es so klein und hart ist, dass es sich nicht weiter falten lässt. Dieses kleine Etwas hält er dann seinen Seminar-Besuchern hin und fragt: Geht es uns nicht ähnlich? Geht es uns Menschen nicht so, wie diesem Blatt Papier?
Diese Demonstration ist beeindruckend. Und sie tut weh. Denn Kobjoll hat Recht. Als Kinder hatten wir unbeschwerte Gedanken, sie waren in alle Richtungen offen; unsere Fantasie war grenzenlos. Doch nach und nach ging uns diese Freiheit der Gedanken verloren. Ob nun durch Regeln und Gebote der Eltern, der Schule oder der Gesellschaft, spielt keine Rolle. Wenn man dann mal so klein und hart ist, ist es fast unmöglich, sich zu entfalten und seine wahre Größe zu entdecken. Außer: Man holt sich seine Freiheit zurück.
Hört sich gut an, doch wie holt man sich seine Freiheit zurück?
Wir müssen die Freiheitsräuber entlarven. Und wir müssen uns darüber klar werden, dass wir uns jederzeit frei entscheiden können. Es gibt nicht nur einen Weg. Es gibt mindestens zwei, drei, vier. Wir müssen sie nur erkennen.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
Ich erzähle Ihnen die Geschichte einer Seminarteilnehmerin. Sie arbeitet ganztags in München. Ihr Mann ganztags in Stuttgart. Um sich abends zu sehen, leben die beiden in Ulm. Ulm liegt ungefähr auf halber Strecke. Die Frau kümmert sich neben ihrem Job um den Haushalt, putzt, wäscht, geht einkaufen und stellt jeden Abend ein Essen auf den Tisch. Für Fitness bleibt wenig Zeit. Ihre Freunde sieht sie nur sporadisch. Mit dieser Lebens- und Arbeitssituation ist sie unzufrieden. Doch sie ist nicht bereit, etwas zu ändern. Die anderen Seminarteilnehmer hörten der Frau zu, überlegten, wie sie Beruf und Karriere besser vereinen könnte – doch sie schmetterte jeden Vorschlag ab.
Was waren das für Vorschläge?
Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeitgestaltung, Telearbeit, Einkaufsservice, Putzfrau, Essen gehen, den Haushalt mit dem Mann teilen, gelegentlich einen Koch engagieren. Nicht nur die Gesellschaft legt einem Knüppel zwischen die Beine. Die Menschen blockieren sich zu einem großen Teil selbst. Das ist die eine Erkenntnis. Die andere: Viele Menschen wollen ihr Leben überhaupt nicht verändern. Sie wollen über ihre Probleme reden, wollen sich beklagen, wollen Zuspruch, ein offenes Ohr. Anderen fehlt aber auch ganz einfach der Mut. Sie haben Angst, ihre Komfortzone zu verlassen, ihre Kuschelecke mit den rosa Kissen.
Kann ja auch ganz nett sein – die rosa Kuschelecke.
Wenn man sich bewusst für sie entscheidet – dann ja. Aber die meisten beugen sich ihrem Schicksal. Spielen Rollen, die sie eigentlich nicht spielen wollen. Und entfernen sich immer mehr – von sich selbst, von ihren Träumen und von ihren einstigen Zielen.
Tom Peters sagte einmal: Die meisten meiner Fans kennen noch nicht einmal meine Bücher. Und die sie kennen, sind nur bedingt bereit, ihr Leben zu verändern. Für einen Trainer und Buchautor sicherlich eine bittere Erfahrung. Ist die Quote immer so schlecht?
Ob sich wirklich so wenig tut? Sicher ist: Die Quote hängt von der Art der Seminare ab. Ist es ein Wochenendseminar, eine Seminar-Reihe im Abstand von sechs bis acht Wochen oder ein Online-Seminar, bei dem die Teilnehmer die Möglichkeit haben, sich während der gesamten Zeit mit ihren Seminarkollegen über das Webforum auszutauschen.
Außerdem wichtig: die Wahrnehmung. Viele Seminarteilnehmer warten auf den großen Knall, warten, dass sich ihr Leben komplett verändert. Die vielen kleinen Schritte, die sie bereits zurückgelegt haben, nehmen sie gar nicht wahr – und würdigen sie auch nicht. Zeigt ein Seminar wirklich keine Wirkung, liegt es oft am Es-Phänomen. Bei mir läuft Es nicht besser als vorher. Es hat sich nichts bewegt. Es hat sich noch nichts geändert. Immer hat Es die Schuld. Erst wenn ich meinen Seminar-Besuchern sage, dass es das Es nicht gibt, starren sie betreten in den Boden. Sie wissen: Sie allein tragen die volle Verantwortung für ihr Leben. Und sie können sich jeden Tag aufs Neue entscheiden. So schwer es auch ist: Verantwortung und Freiheit – wer sich verändern will, kommt an diesen zwei Punkten nicht vorbei.
Viele Menschen lassen, wenn sie zur Arbeit gehen, ihre Persönlichkeit zu Hause. Zwischen morgens um acht und nachmittags um fünf sehen sie nur die Aufgabe der Funktionserfüllung. Kann man sich diese Einstellung überhaupt noch leisten?
Nein, nicht wirklich. Wie gesagt: Das Arbeitskarussell dreht sich immer schneller. Um nicht runterzufallen, glauben viele, sie müssten härter arbeiten, smarter werden und sich anpassen. Doch das ist ein Fehler. Mein Spruch: Statt immer neue Fische vom Chef erbetteln zu müssen, lernen Sie endlich angeln. Für seine Arbeitsmarktfähigkeit ist jeder selbstverantwortlich. Oder besser gesagt: Für seine Wertschöpfungsfähigkeit ist jeder selbstverantwortlich. Nachhaltige Wertschöpfung ist die beste Form, die eigene Beschäftigung dauerhaft zu sichern. Doch um sinnvolle Dinge produzieren zu können, muss man sich von seiner Konsumentenrolle verabschieden und sich mit sich selbst beschäftigen. Und immer wieder die Fragen stellen: Was möchte ich sein? Was möchte ich nicht sein. Was möchte ich für mich erreichen? Was möchte ich für andere erreichen? Nur wer sich diese Fragen regelmäßig stellt, kann sich sein Leben zurückerobern und neue Wege beschreiten.
Eine Besprechung des Buches von Jörg Weisner ist unlängst in changeX erschienen. Zur Buchbesprechung.
Heike Littger arbeitet als Redakteurin bei changeX.
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