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Mihaly Czikszentmihalyi: "Flow. Das Geheimnis des Glücks"
(Stuttgart 1992)
Mihaly Czikszentmihalyi: "Flow. Das Geheimnis des Glücks" (Stuttgart 1992)
Übersicht: Czikszentmihalyi schreibt wirklich gut; er ist in vielen Disziplinen bewandert, und dennoch dient die ellenlange Literaturliste nahezu ausschließlich dem Thema. Seine Untersuchungen über Glück sind empirisch gestützt (ESM); untersucht werden vor allem Experten, also Leute, die eine bestimmte Tätigkeit gefunden haben, in der sie aufgehen - Musiker, Künstler, Chirurgen, Schachspieler. Czikszentmihalyi zieht auch durchaus konservative Schlussfolgerungen: Im Eingebettetsein in Arbeit oder Religion ist der Mensch zumeist glücklicher (320, 359, 362); bei der Arbeit, die ja kulturell oft verteufelt wird, ist der durchschnittliche Grad an Glück höher als in der Freizeit. Die formellen Kriterien für Flow sind kulturinvariant, und Czikszentmihalyi ist klug genug, die Oberflächlichkeit bloßer Flow-Gefühle ohne einen übergeordneten Sinn zu erkennen - wenngleich er völlig unverständlicherweise noch auf so etwas wie einen von außen kommenden übergeordneten Sinn zu hoffen scheint. Flow sollte nicht nur in Sinn, sondern auch in Wachstum eingebettet sein; hier hat Czikszentmihalyi die mich ebenfalls ansprechende Grundidee, daß das Selbst aus der Hingabe bereichert zu sich selbst zurückfinden kann. Das Buch kann sich allerdings der Versuchung, Lebenshilferatgebers zu sein, nicht ganz entziehen.
Die Flow-Erfahrung ist eine Erfahrung, in der die Aufmerksamkeit frei gelenkt werden kann, um ein persönliches Ziel zu erreichen, weil es keine Unordnung gibt, die beseitigt werden müsste (62).
Formale Kriterien des Flow:
1. Wir müssen der Aufgabe gewachsen sein (weder Unter- noch Überforderung).
2. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir tun (-30sec bis +5min).
3. Die angefangene Aufgabe enthält deutliche Ziele.
4. Wir bekommen Rückmeldung.
5. Wir haben ein Gefühl der Kontrolle über unsere Tätigkeit.
6. Die Sorge um das Selbst verschwindet.
7. Das Zeitgefühl ist verändert.
Flow und Arbeit: Bei der Arbeit fühlen sich viele Menschen erstaunlicherweise glücklicher als in der Freizeit: 54% vs. 18% (210). .Folgt hieraus, daß Arbeit schöner ist, als wir alle denken, und wir mit Freizeit eigentlich gar nichts anzufangen wissen? Dies wäre ein Trugschluss: Wenn man mehr Freizeit hätte, würde man früher oder später anfangen, diese mit eigener "Arbeit" zu füllen - aber mit einer sinnvolleren!
Flow und Kultur: Czikszentmihalyi ist schon dahingehend konservativ, daß er kulturelle und religiöse Regelsysteme als haltgebende Rahmenbedingungen für Flow-Erfahrungen ansieht (166f.) und der Ordnung generell einen hohen Stellenwert zuweist, weil sie der Kontrolle dient; Beispiel: Ist man die Ehe eingegangen, braucht man sich keine Gedanken über Partnerwahl mehr zu machen und hat für das Leben Energien frei.
Flow in verschiedenen Kulturen: Mit Flow ist es durchaus möglich anzugeben, welche Kulturen glücklicher sind als andere. Übrigens gibt es Indianerstämme, die nach einer gewissen Zeitspanne umzogen, um sich nicht allzu sehr an die Umgebung zu gewöhnen, und in Japan gibt es einen Schrein, der alle 20 Jahre ab- und auf dem Feld nebenan wiederaufgebaut wurde (114).
Flow und Kindheit: Czikszentmihalyi benennt fünf Elemente der Erziehung, die einen "autotelischen Familienkontext" darstellen (124):
1. Klarheit über Ziele und Feedback
2. Zentrierung auf das Kind und nicht etwa auf den Studienplatz (!)
3. Wahlmöglichkeiten
4. Bindung: Vertrauen
5. Herausforderung
Flow und Geld: Reiche Leute sind im Schnitt etwas glücklicher als arme (69); Czikszentmihalyi bringt aber auch einen ausführlichen Bericht eines extrem autotelischen obdachlosen Vagabunden (258). Der Symbolgehalt der Midas-Legende ist natürlich der, daß Gier statt zum erhofften Glück oftmals zum Schaden führt; konkret: Viele Mittfünfziger landen auf der Couch, wenn sie entdecken, daß ihre materiellen Bemühungen sie nicht wirklich erfüllt gemacht haben.
Flow und Wachstum: Finden wir den Flow-Kanal zwischen Angst (Überforderung) und Langeweile (Unterforderung), befinden wir uns in einem Wachstumsschritt. Flow-Erlebnisse steigern die Komplexität der Selbstorganisation. Den rhythmischen Prozess zwischen Hingabe und Zurückkommen charakterisiert Czikszentmihalyi hier als einen zwischen "Differenzierung" und "Integration". "Es scheint fast, daß gelegentlich die Aufgabe des Selbstgefühls notwendig ist, um ein stärkeres Selbstbild aufzubauen" (95).
Flow und Sinn: Flow alleine reicht nicht; sie sind dem Sinn unter- oder besser gesagt eingeordnet. Merkmal unserer Kultur ist es, daß die zunehmenden Wahlmöglichkeiten auch eine vermehrte Unsicherheit mit sich bringen, die es zu meistern gilt (294). Das Ende ist allerdings enttäuschend, wenn nicht sogar gefährlich: Er hofft tatsächlich auf ein integratives kulturelles Sinnangebot (312). Folgerichtig ist seine Kritik an Instinktverherrlichung: Diese "stellt sich nur als Variante des guten, alten Fatalismus heraus: Der Mensch fühlt sich von der Verantwortung befreit, indem er sich einem Konzept von `Natur´ unterwirft" (35) - na ja. Auch Spontaneität ist für Czikszentmihalyi nicht allzu interessant: Die dauerhaftesten Flow-Erlebnisse entstehen bei Regelbefolgung (75).
"Aufmerksamkeit als psychische Energie" (50) und als Möglichkeitsbedingung des Flow - ! "Das Kennzeichen eines Menschen mit Kontrolle über das Bewusstsein ist seine Fähigkeit, Aufmerksamkeit willentlich auf etwas zu richten, sich nicht ablenken zu lassen und sich so lange zu konzentrieren, bis eine Aufgabe erledigt ist - und nicht länger" (51).
Kontrolle als Möglichkeitsbedingung des Flow heißt, daß es überhaupt etwas Schwieriges gibt, das kontrolliert werden kann, also eine Herausforderung oder ein Risiko. Dass wir Kontrolle wollen, zeigt sich im Wunsch nach der Vorhersage von eigentlich Unkontrollierbarem (wie etwa Roulette oder Horoskop).
Selbsterforschung ist kein Moment des Flows (93): Ob sein Gesicht verschmiert ist, interessiert einen Kletterer nicht (!).
Die autotelische Persönlichkeit ist Czikszentmihalyi zufolge die am dauerhaften glücklichste: "Menschen, die lernen, ihre inneren Erfahrungen zu steuern, können ihre Lebensqualität bestimmen; dies kommt dem, was wir Glück nennen, wohl am allernächsten" (14). Analog zu Lübbe meint Frankl übrigens, Glück sollte nicht direkt angepeilt werden: "Erfolg kann wie Glück nicht verfolgt werden, er muss erfolgen ... als unbeabsichtigte Nebenwirkung, wenn sich ein Mensch einer Sache widmet, die größer ist als er selbst" (14); "es scheint, daß Menschen, die sich die Mühe geben, das zu steuern, was im Bewusstsein geschieht, ein glücklicheres Leben führen" (41). Gegenstück zur gesammelten autotelischen Person ist der Schizophrene, der ständig von Eindrücken und Gedanken erschlagen ist (118). Der autotelischen Persönlichkeit gelingt eine "transformative" und keine "regressive" Stressbewältigung (262) und kann im Extremfall sogar ein Unglück in etwas Positives verwandeln. Interessant ist die Erkenntnis, daß eine gewisse Demut Kennzeichen autotelischer Persönlichkeiten ist (268).
Kennzeichen autotelischer Persönlichkeiten ist eine Zielstrebigkeit, die nicht das Selbst im Auge hat; sie wollen ihr Bestes geben, aber nicht ihren eigenen Interessen dienen. Sie sind von innen heraus motiviert und lassen sich nicht durch äußere Ziele bedrohen. Narzisstische Individuen hingegen sind vorwiegend mit der Verteidigung des Selbst befasst und zerbrechen, wenn die äußeren Bedingungen bedrohlich werden. Czikszentmihalyi fasst die Kennzeichen der autotelischen Persönlichkeit folgendermaßen zusammen:
1. Ziele setzen
2. Sich in die Handlung vertiefen
3. Aufmerksamkeit auf das Geschehen richten
4. Lernen, sich an der unmittelbaren Erfahrung zu freuen
Spaß durch Leistung kommt hier als didaktisches Beispiel à la Carnegie: Ein Arbeiter ist glücklicher als andere, weil er am Fließband beständig seine Abläufe zu perfektionieren trachtet.
Große Kunst entsteht in einem Prozess, bei der der Maler während des Malens seine Vorstellungen von dem zu Malenden ändert (.genau das ist bei Hauke nicht der Fall; 273).
Dantes Commedia Divina wird hier als Parabel für die Midlife Crisis interpretiert: Ein Löwe, ein Luchs und eine Wölfin schleichen Dante auf seinem Spaziergang nach - Symbole für Ehrgeiz, Lust und Gier!? und damit Streben nach Macht, Sex und Geld!? Dante versucht auf einen Berg zu fliehen, wo der Geist Virgils erscheint, welcher verkündet: Es gibt einen Ausweg, aber der führt durch die Hölle (!!?). - Das Managerseminar war begeistert (313).
Schach aus Sicht der Psychoanalyse ist ausagierte Kastrationsangst, weil man ja mit seiner eigenen Königin den feindlichen König schachmatt setzen will .... (344).
Die Dialektik des Kapitalismus nach Weber: Schwere Arbeit, Sparen, Investieren, die gesamte Wissenschaft von Produktion und Konsum waren einst dazu gedacht, den Menschen glücklicher zu machen. Diese Wissenschaft entwickelt jedoch ihre eigenen Ziele: Die Produktion von Konsum und nicht das Glück der Menschen. Für Weber hört wirtschaftliches Verhalten damit auf, rational zu sein (!), weil es nicht mehr vom Ziel des Glücks geleitet wird. Der Kapitalismus nahm als religiöse Berufung seinen Ausgang und ist mit der Zeit zu einem bloßen Sport für Unternehmer verkommen und für alle anderen zu einem Eisenkäfig geworden (368)
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