Stille Wasser sind attraktiv

Julia Engelmann, die Poetry-Slammerin aus Bremen wurde mit ihrem Stück: "Eines Tages werden wir alt sein" bekannt und beliebt. 

Hier ein neues Stück von ihr, was mir ebenfalls sehr gefällt!​

Ich finde den Text wunderschön ...

Stille Wasser sind attraktiv​

„Ich bin ein Nerd, aber kein schicker Hipster,
sondern ein Vieldenker voll Hirngespenster.
Ich surf auf keiner Modeklischeeretrowelle,
ich surf im Internet, such Lesebrillengestelle
für echte Augen, um Bücher zu lesen
und Texte zu schreiben,
nicht um Fotos zu schießen
und mich bei Facebook zu zeigen.

Und manchmal hab ich das Gefühl,
ich bin anders und allein,
keiner scheint mir ähnlich,
keiner scheint mir nah zu sein.

Und manchmal hab ich das Gefühl,
niemand ist wie ich,
einen Platz, an den ich passe,
den gibt es für mich nicht.

Aber wieso fühl ich mich so anders?
Und was muss denn noch passieren?
Ich mein, was mach ich falsch?
Ich will doch bloß dazugehören!

Aber wozu denn gehören?
Und was soll das denn heißen?
Weil wir alle doch anders
und dadurch wieder gleich sind. 

„Und es geht doch um den Inhalt
viel mehr als um die Form,
es geht um den Einzelfall
viel mehr als um die Norm,
es geht nicht um Physik,
es geht um Fantasie,
vor allem geht’s ums Was –
viel mehr als um das Wie.

Es geht darum, dass wir uns kennen,
mehr als darum, dass wir mal einsam waren.
Es geht nicht um das, was uns trennt,
sondern um das, was wir gemeinsam haben.
Es geht nicht ums Gewinnen,
sondern darum, dass du kämpfst.
Es geht nicht um den Takt,
sondern darum, dass du dänct.
Es geht nicht drum, was wir haben,
sondern um das, was wir draus machen.
Es geht nicht um den Witz an sich,
sondern darum, dass wir lachen. *
Es geht nicht darum, wie viel,
sondern darum, dass du gibst.
Es geht nicht darum, wen,
sondern darum, dass du liebst.

Es geht nicht darum, was und womit,
sondern darum, dass wir uns anziehen.
Es geht nicht darum, wen und warum,
sondern darum, dass wir uns anziehen.
Es geht nicht drum, was wir tragen, 
wie wir lächeln, wie wir reimen.
Es geht darum, was wir sagen,
ob wir echt sind, was wir meinen.

Und vielleicht geht’s auch nicht ums Happy End,
sondern heute mal nur um die Geschichte,
vielleicht geht’s nicht darum, dass ich anders,
sondern darum, dass ich ich bin.
Vielleicht geht’s auch nicht drum,
die ganze Welt zu erfassen und alles zu verstehen,
vielleicht geht’s darum, »Hakuna Matata« zu sagen
und einfach mal gerne zu leben.

„Und es geht doch um den Inhalt
viel mehr als um die Form,
es geht um den Einzelfall
viel mehr als um die Norm,
es geht nicht um Physik,
es geht um Fantasie,
vor allem geht’s ums Was –
viel mehr als um das Wie.

Und was soll das denn heißen –
jemand ist »sonderbar« und »eigenartig«?
Das sind doch bloß Synonyme
für »besonders« und von »einzigartig«.
Jemand sagt dir, du bist anders,
dann denk dir für dich:
Anders ist nicht falsch,
bloß ’ne Variante von richtig. 
Und wenn du vorankommen willst,
musst du deinen … Po bewegen,
musst deinen ärgsten Erzängsten
tief in die Augen sehen.
Wenn du wo ankommen willst,
musst du über härteste Schmerzgrenzen,
dich über den derbsten Berg kämpfen
und noch ein Stück weitergehen.

Und es geht nicht drum,
wie hoch du springen kannst,
sondern wie hoch du glaubst,
dass du springen kannst.

Denn es geht nicht um Physik,
es geht um Fantasie,
vor allem geht’s ums Was –
viel mehr als um das Wie!

Und wer andere abgrenzt,
grenzt sich selber ein.
Wer andere schwach macht,
glaubt, nicht stark zu sein.
Ich mach mein Herz weit und lass Leben rein,
weil ich dran glaube, gut genug zu sein.
Und dann treff ich dich
Und du siehst mich, und du nimmst mich wahr,
du bist bei mir und bist für mich da,
nimmst meine Schatten, machst die Sicht klar,
machst mich wahrhaftig, machst mich sichtbar. 
Und auf den ersten Blick bin ich vielleicht nicht so cool,
für manche vielleicht sogar langweilig,
aber ich hör dir gern beim Reden zu,
und ich mag deinen Klang,
weil ich dich mag und wie wir die Welt für uns drehen,
und dadurch wirst du für mich schön.

Und ich finde meinen Platz.
Und ich finde meinen Raum
in der kleinsten gemeinsamen Schnittmenge
aus deiner und aus meiner Welt.
Wir sind unser kleinstes gemeinsames Vielfaches,
sind das, was uns zusammenhält.

Wir beide sind so viel mehr als die Summe unserer Teile,
sind so viel mehr als die Stunden, die wir teilen,
wir beide sind so viel …
… merkwürdig eigentlich, dass ich das jetzt erst gecheckt hab …

„Und es geht doch um den Inhalt
viel mehr als um die Form,
es geht um den Einzelfall
viel mehr als um die Norm,
es geht nicht um Physik,
es geht um Fantasie,
vor allem geht’s ums Was –
viel mehr als um das Wie.

Weitere schöne Gedicht von Julia Engelmann findest Du in ihrem neuen Buch:

Julia Engelmann - Eines Tages, Baby

Comments

comments

geteilte Freude ist doppelte Freude

Heading

some content


Button Text

Jörg Weisner

Click Here to Leave a Comment Below

Leave a Comment:

anmelden